Keine Panik, Kaninchen – irrationale Ängste in der Arbeitswelt 4.0

Kill Dein Kaninchen, Ralf Schmitt

Dieser Beitrag erschien im Original als Gastbeitrag unter microtool.de

Eine renommierte Versicherung führt seit 26 Jahren eine jährliche Studie zu den größten Ängsten der Deutschen durch. Zwar variieren die Top 10 der Ängste von Jahr zu Jahr etwas, aber als grundlegendes Ergebnis kann gesagt werden, dass die Ängste der Deutschen im Vergleich weit über dem üblichen Niveau liegen. Mit „German Angst“ hat die typische deutsche Zögerlichkeit sogar ihre eigene internationale Begrifflichkeit. Wie kommt es, dass wir das Thema Angst so verinnerlicht haben?

Angst ist eigentlich ein gesunder urzeitlicher Instinkt, der uns davor schützen soll, Neuem allzu unbedarft entgegenzutreten. Sie ist ein Warnsignal, die unbekannten, roten Beeren nicht einfach so zu naschen, oder den „süßen“ Säbelzahntiger zu streicheln. Denn: Wer in der Steinzeit allzu neugierig war, lebte voraussichtlich nicht lange. Heutzutage ist jedoch unser Ur-Bedürfnis nach Sicherheit, also das blanke Überleben, befriedigt. Im weltweiten Vergleich haben die Deutschen einen enorm hohen Lebensstandard. Sogar die Arbeitslosenquote ist im europäischen Vergleich eine der niedrigsten. Der Neandertaler steckt jedoch noch immer tief in uns und reagiert auf alles Neue mit Angst.

 

Was heißt das für den Berufsalltag?

Auf die moderne Welt übertragen könnte man denken, wer viel hat, kann auch viel verlieren. Aber aus Angst vor Verlust oder Scheitern lieber nichts zu tun als etwas Falsches, kann insbesondere im modernen Berufsalltag einer VUKA-Welt schneller ins Aus katapultieren, als unser innerer Angsthase zittern kann. VUKA (englisch VUCA) beschreibt eine Welt, die geprägt ist durch

  • Volatilität (englisch: volatility),
  • Unsicherheit (englisch: uncertainity),
  • Komplexität (englisch: complexity) und
  • Ambiguität/Ambivalenz (englisch Ambiguity)

Kurz gesagt: nichts bleibt gleich oder etwas philosophischer „alles fließt“, denn die Welt befindet sich im kontinuierlichen Wandel.

Disruption! Rette sich wer kann…

Egal wo Du arbeitest – Du bist nicht sicher! Wenn sich das für Dich jetzt wie eine Drohung anhört, solltest Du dringend weiter lesen. Für Dich ist Sicherheit offensichtlich ein erstrebenswerter Zustand. Eine watteweiche Komfortzone, in der Du, vielleicht dank Routine und Erfahrung, ohne großen Aufwand Dein Ziel erreichst. Jetzt kommt der große Schocker: Sicherheit ist eine Illusion.

Disruption ist ein Schlagwort, welches der Wirtschaftswelt laut Medienberichten den Angstschweiß auf die Stirn treibt. Es ist jedoch nur ein Beispiel dafür, wie wichtig es ist, seine Angst vor Neuem in den Griff zu  bekommen. Traditionelle Märkte werden aufgemischt und einmal umgekrempelt. Bücher tot gesagt – dann wieder nicht. Roboter sollen unsere Arbeitskraft überflüssig machen. Firmen-Riesen verschwinden und neue Global Player tauchen aus dem Nichts auf. Aber auch im kleineren Kreis erreichen uns permanent Veränderungen. Ein neues System wird implementiert, fortschrittlichere Maschinen entwickelt und komplexere Arbeitsprofile erstellt. Uns sollte also klar sein: Wir können uns nicht mehr auf unsere Vorsicht und unsere Erfahrung verlassen.

Wovor hast Du Angst?

Und genau hier kommen viele von uns ins Schwimmen. Erfahrung gibt uns rückblickend Sicherheit und bringt uns dazu, Routinen zu entwickeln, die uns nicht nach links oder rechts blicken lassen. Der erlernte Beruf wird jedoch voraussichtlich beim Renteneintritt ein ganz anderes Jobprofil haben – wenn es ihn bis dahin überhaupt noch gibt. Innovationen und Veränderungen werden mehr und mehr zu unserem Berufsalltag dazugehören. Wer sich diesem Wandel mit dem erlernten Muster von Vorsicht und Angst entgegenstellt, wird auf der Strecke bleiben.
Der Grund: Angst macht uns zwar vorsichtig, was per se nichts Schlechtes ist,  Angst hält uns jedoch auch davon ab, Neuem positiv und offen zu begegnen. Auf diese Weise schränken wir unseren Horizont und unseren Aktionsradius selbst ein und ziehen damit in letzter Konsequenz unsere eigene Innovations- und Kreativitätsbremse. Natürlich gibt es im Arbeitsleben zum Beispiel die Angst vor Jobverlust, Rationalisierung oder persönlichem Versagen. Schaut man aber genauer hin, kann man drei große Angstfelder festmachen, die es lohnt, genauer zu betrachten, um ihnen dann gezielt an die Gurgel zu gehen.

 

  • Angst vor dem Unbekannten

Eine neue Aufgabe soll vergeben werden, der Chef wechselt oder ein System-Update steht an? Unsere erste Reaktion ist meist Ablehnung. Warum? Weil unser Gehirn so programmiert ist. Alle Abläufe, mit denen wir Erfahrung haben und für die wir eine Routine entwickelt haben, laufen in unserem Gehirn automatisch ab. Und das ist auch gut so. Es würde uns viel zu viel Zeit und Energie kosten, jeden Morgen aufs Neue lernen zu müssen, wie wir unsere Schuhe zubinden oder den Weg zur Arbeit finden. Unser Gehirn ist auf Ökonomie getrimmt. Alles, was neu ist, bedarf also mehr Energie, um es zu verarbeiten. Daher ist die Meldung zu unbekanntem Input prompt: „Ist mir zu anstrengend“. Also lassen wir es lieber sein und begnügen uns mit dem, was wir kennen.
Mit dieser Reaktion treten wir aber insbesondere in einer sich immer schneller weiterentwickelnden Welt auf der Stelle.
Mache Dir diese Aktion/Reaktion-Situation bewusst, bevor Du das nächste Mal „Nein“ sagst. Tust Du das aus Gewohnheit? Aus Angst vor dem Unbekannten? Kann Dir wirklich etwas passieren, wenn Du „Ja“ sagst? Klar kostet es Dich mehr Energie – aber vielleicht erfährst Du dadurch auch etwas Neues, Spannendes, das Dich voran bringt?

Ein „Ja“ zu einer neuen Situation bringt Dich in jedem Fall vorwärts. Ein „Nein“ erstickt jeden Hauch von Innovation und Weiterbildung im Keim. Probiere es mal! Es muss ja nicht gleich beim nächsten Großprojekt sein, aber vielleicht für den Anfang im Kleinen: Im Privatleben, bei Deinen Kindern, beim Einkaufen oder im Fitnessstudio. Dein Gehirn wird erst einmal irritiert sein – aber auch daran gewöhnt es sich. Und dann nimmst du Dir die großen „JAs“ vor.

 

  • Angst vor Veränderung

Die Angst vor dem Unbekannten ist eng verknüpft mit unserer Angst vor Veränderung. Veränderungen holen uns aus unserer Routine. Meistens kommen sie von außen und liegen damit nicht in unserer Hand – was sie wiederum nur umso unangenehmer macht. Change-Prozesse im Unternehmen, sich ändernde Gesetzeslagen, variierende Märkte sind nur kleine Beispiele, die uns tagtäglich bei der Arbeit begegnen. Wir haben gerne die Kontrolle über das, was wir tun – und wir planen gerne, was wir tun. Die Psychoanalytikerin und Psychologin Ruth Cohn hat einen zentralen Satz gegen die Angst vor Veränderungen formuliert „ Jeder Plan muss falsch sein, da nie alle Faktoren bekannt sein können“. Egal wie gut wir organisiert sind, Veränderung passiert und ist nicht planbar. Es tauchen Hindernisse auf, die nicht vorhersehbar waren, das Wetter spielt nicht mit, das Schicksal schlägt zu oder Märkte brechen zusammen. Bleib flexibel im Kopf und rechne mit dem Unerwarteten, denn es wird ohnehin zuschlagen. Das einzig Beständige ist der Wandel und das bedeutet, dass wir häufig einfach einen Sprung ins Ungewisse wagen müssen. Die Tatsache können wir nicht ändern – aber unsere Sicht darauf. Ja, das kostet Energie und ja, es werden auch Fehler passieren. Aber auch die solltest Du mit einkalkulieren, denn ansonsten wird Dich spätestens Deine Angst vor dem Scheitern zu Fall bringen.

 

  • Angst vor dem Scheitern

Hierbei handelt es sich um eine recht moderne Angst. Der Kühlschrank ist voll, der Körper in Schuss und das Dach über dem Kopf dicht. Was jetzt noch über uns hereinbrechen könnte, ist das persönliche Scheitern. Dass etwas schief geht, ist in unserer Gesellschaft zunächst einmal nicht vorgesehen. Wir streben nach Perfektionismus. Wenn dann doch einmal etwas in die Hose geht, bleiben Frust und Scham zurück. Die Angst vor dem Gesichtsverlust, Imageverlust, Jobverlust versetzt uns in Schockstarre.
Eine positive Fehlerkultur ist daher in modernen Unternehmen unerlässlich. Gehen wir von einem positiven Menschenbild aus, in dem jeder Mitarbeiter seinen Job so gut wie möglich macht. Dann sind Fehler zwar im ersten Moment unangenehm, auf den zweiten Blick bieten sie jedoch eine wertvolle Lernchance für alle. Wichtig ist dabei, dass Fehler nicht vertuscht werden und mit einem guten Fehlermanagement für das Unternehmen nutzbar gemacht werden. In der Wissenschaft werden Ergebnisse traditionell durch Experimente erzielt. Jeder misslungene Aufbau gibt wichtige Aufschlüsse mit auf den Weg zum Ziel.
Nur wenn Fehler als Teil des Ganzen akzeptiert werden und ihr mieses Image verlieren, können Unternehmen Innovationen entwickeln und langfristig erfolgreich sein.

Was können wir tun?

Nimm Deinen inneren Angsthasen aufs Korn. Mache Dir bewusst, warum Du vor einer Situation Angst hast. Ist es eine berechtigte Angst oder nur ein überholtes Verhaltensmuster, was Dich davon abhält, Neues zu wagen? Ein bewusster Umgang mit unseren spontanen Reaktionen kann schon helfen, kleine Routine-Fallen aufzudecken und damit unsere innere Handbremse zu lösen. Vertraue auf Deinen gesunden Menschenverstand und überprüfe Deine ersten Reaktionen, wenn eine Abweichung vom Plan Dich ins Stolpern bringt. Vielleicht ist ein Schritt neben die Spur auch ganz nützlich und eröffnet neue Wege und frische Perspektiven? Wenn Du es schaffst, Deinen Kopf bei diesen Entscheidungen flexibel zu halten, hast Du eine gute Chance, „im Flow“ zu bleiben.

  • Sage nicht einfach aus Reflex „Nein“ zu Neuem
  • Plane Dein Scheitern mit ein – es gehört dazu, wenn man Neues ausprobiert (und es wird Dich nicht umbringen).
  • Fehler sind Lernchancen auf dem Weg zu langfristigem Erfolg
  • Bleib flexibel im Kopf und lasse die Neugierde über Deine Angst siegen. Das bringt Dich weiter und macht sogar Spaß!

Wer noch noch drei weitere Tipps  haben möchte, wie er sein Panik-Kaninchen killen kann, der schaut in meine Video oder in die Leseprobe zu meinem aktuellen Buch „Kill Dein Kaninchen – wie Du irrationale Ängste kalt stellst.“

In diesen Sinne – bleibt flexibel

Euer Ralf Schmitt

KILL DEIN KANINCHEN from Ralf Schmitt on Vimeo.

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Wir sehen uns – bis dahin
Bleib flexibel
Dein Ralf Schmitt

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